Christian Morgenstern (6. Mai 1871 -  31. März 1914 )

Die Gedichte von Christian Morgenstern gehören zum Schatz unserer Großfamilie. Ich wuchs auf mit den bittersüßen Bildern seiner Fantasien. Und ganz gleich wie sich mein Leben entwickelte: ich liebe diese Gedichte, in denen sich Verzweiflung, Schmerz , Kritik und Humor auf ganz sonderbare und wundervolle Weise verbinden.

   
   

km 21

Ein Rabe saß auf einem Meilenstein
und rief Ka-em-zwei-ein, Ka-em-zwei-ein ...


Der Werhund lief vorbei, im Maul ein Bein,
Der Rabe rief Ka-em-zwei-ein, zwei-ein.


Vorüber zottelte das Zapfenschwein,
der Rabe rief und rief Ka-em-zwei-ein.


"Er ist besessen!" - kam man überein.
"Man führe ihn hinweg von diesem Stein!"


Zwei Hasen brachten ihn zum Kräuterdachs.
Sein Hirn war ganz verstört und weich wie Wachs.


Noch sterbend rief er (denn er starb dort) sein
Ka-em-zwei-ein, Ka-em-Ka-em-zwei-ein ...

Der Nachtschelm und das Siebenschwein

oder
Eine glückliche Ehe


Der Nachtschelm und das Siebenschwein,
die gingen eine Ehe ein,
o wehe!
Sie hatten dreizehn Kinder, und
davon war eins der Schluchtenhund,
zwei andre waren Rehe.


Das vierte war die Rabenmaus,
das fünfte war ein Schneck samt Haus,
o Wunder!
Das sechste war ein Käuzelein,
das siebte war ein Siebenschwein
und lebte in Burgunder.


Acht war ein Gürteltier nebst Gurt,
neun starb sofort nach der Geburt,
o wehe!
Von zehn bis dreizehn ist nicht klar; -
doch wie dem auch gewesen war,
es war eine glückliche Ehe!

Das Nasobem

Auf seinen Nasen schreitet
einher das Nasobēm,
von seinem Kind begleitet.
Es steht noch nicht im Brehm.


Es sieht noch nicht im Meyer.
Und auch im Brockhaus nicht.
Es trat aus meiner Leyer
zum ersten Mal ans Licht.


Auf seinen Nasen schreitet
(wie schon gesagt) seitdem,
von seinem Kind begleitet,
einher das Nasobēm.